Schwarzes Gold

Wie glühendes Holz zu Kohle zerfällt

In der Napfgemeinde Romoos geht der Bergbauer Willy Renggli einem seltenen Handwerk nach: der Herstellung von Holzkohle, seines schwarzen Goldes. Wenn das glühende Holz zu Kohle zerfällt, ist er Tag und Nacht im Einsatz.

Text: Isabelle Frühwirt | Bilder: Philipp Schmidli | Erschienen: Meine Energie 4/17

Prüfend rüttelt Willy Renggli an der Leiter. Sie führt auf der über zweieinhalb Meter hohen, pechschwarzen Kohlemeiler. Oben steigt dünner, weisser Rauch aus einigen Luftlöchern. Innen schwelt bereits die Glut, die das Holz schliesslich zu Holzkohle zerfallen lassen wird. Renggli steigt die Leiter hinauf. Mit einer Hand umklammert er die Strebe der Leiter, in der anderen hält er ein Fass. «Zeit, nachzufeuern», sagt er. Etwa alle vier Stunden wird der Meiler «hungrig», wie Renggli es ausdrückt. Um die Glut im Innern zu erhalten, muss er ihn füttern – mit glühender Holzkohle.

Grillkohle aus Romoos

Tief im zerklüfteten Napfgebiet gehen die letzten Köhler der Schweiz ihrem Handwerk nach. Neun Familien sind übriggeblieben. Eigentlich Bergbauern, verdienen sie sich mit der Köhlerei etwas dazu. Knapp 100 Tonnen Holzkohle produzieren sie pro Jahr. «Die Nachfrage nach unserer Romooser Holzkohle liegt sogar darüber», sagt Willy Renggli. Er ist Präsident des Köhlerverbands Romoos, in dem sich die neun Familien zusammengeschlossen haben. Während Holzkohle früher noch ein wichtiger Energieträger für die Herstellung von Eisen und Stahl war, wird sie heute fast nur noch zum Grillieren gebraucht. Die Warenhauskette Otto’s vertreibt die Grillkohle der Romooser. Diese zeichnet sich durch ihre grossen Stücke aus – ein Qualitätsmerkmal unter Grillliebhabern.

Willy Renggli und seine Romooser Kohle.

Oben angekommen, schaufelt Renggli den Eisendeckel des Fülihauses frei, hebt ihn mit der Schaufel an und legt ihn danebe ab. Dann nimmt er seine Sondierstange zur Hand. «Damit prüfe ich, wie viel Kohle sich noch im Fülihaus befindet und ob sich die Glut gleichmässig durch das Holz frisst», erklärt Renggli. Der Aufbau eines Kohlemeilers ist ausgeklügelt und erfordert viel Geduld (siehe Box). «Je sorgfältiger man beim Aufbau vorgeht, desto gleichmässiger brennt er ab, und entsprechend hochwertiger wird die Holzkohle», so Renggli.

Doch auch während der zwei Wochen, in denen es im Meile schwelt, sind Erfahrung und Durchhaltevermögen gefragt. «Ich darf nicht zu viel oder zu wenig nachfeuern», sagt Renggli. «Und natürlich muss ich das auch nachts alle vier Stunden tun.» Deshalb schläft er in dieser Zeit in einem kleinen Holzhaus neben dem Köhlerplatz. Darin steht ein kleines Holzbett mit karierter Bettdecke unter dem Fenster – mit Aussicht auf den Kohlemeiler. «Die ersten Tage nach dem Anzünden des Meilers sitze ich auch nachts wie auf Nadeln», sagt der Köhler. Denn dann entscheide sich, wie gut der Kohlemeiler abbrenne.

  • Traditionelles Handwerk

    Lange blieben die Wälder in der Luzerner Napfgemeinde Romoos unerschlossen, eine Stammholznutzung war daher nicht möglich. So begannen die Romooser, Holzkohle zu produzieren. Über 200 historische Köhlerplätze wurden im Gebiet entdeckt. Ihre Ware verkauften die Köhler an Eisengiessereien oder Ziegeleien. Damals galt die Holzkohle als unverzichtbarer Energieträger. Mit dem Ausbau des Eisenbahn- und Strassennetzes begann die Einfuhr von Steinkohle, was einen Absatzrückgang der Holzkohle zur Folge hatte. Um das alte Handwerk zu erhalten, sprang später der Kanton Luzern ein – er liefert den Köhlern bis heute einen Preisausgleich von 30 Rappen pro Kilogramm. Die Köhler stellten von Industrie- auf Holzkohle um und fanden mit Otto Ineichen, damals Inhaber von Otto’s Warenposten, einen Abnehmer.

Fingerspitzengefühl gefragt

Damit das aufgeschichtete Laubholz zu Holzkohle wird, muss die Glut im Innern des Meilers mindestens 500 °C erreichen. Gleichzeitig regelt der Köhler durch Luftlöcher im Meiler die Sauerstoffzufuh – bei zu viel würde das Holz verbrennen, bei zu wenig die Glut ausgehen. So werden dem Holz innerhalb von rund zwei Wochen alle Stoffe – Feuchtigkeit, Schwefel, Teer und verschiedene Gase – entzogen, bis nur noch Kohlenstoff übrigbleibt.
Dieser Prozess nennt sich Trockendestillation und wird bereits seit Hunderten Jahren in Romoos betrieben (siehe Box). «Erfahrung und Fingerspitzengefühl sind dabei gefragt», sagt Renggli. Er selbst hat das Handwerk vor rund 25 Jahren von seinen Nachbarn gelernt und gab es auch an seine Kinder weiter. «Mein Sohn Ueli hilft, wenn sein Job es zulässt, beim Köhlern.» Und auch seine Frau Bernadette geht ihm beim Aufbau des Kohlemeilers zur Hand.

Geschwärzte Gesichter

Ist das Holz zu Kohle zerfallen, packt Renggli den Meiler luftdicht in eine Plastikblache. «So kommt kein Sauerstoff mehr an die Kohle, die Glut erlischt, und die Holzkohle kühlt ab.» Rund fünf Wochen dauert dieser Prozess. Danach bricht Renggli die Holzkohle gemeinsam mit einigen Helfern aus dem Meiler heraus – eine schweisstreibende Arbeit, die schwarze Hände und Gesichter mit sich bringt.

Etwa sechs Tonnen Kohle verpacken sie innerhalb von wenigen Tagen. «Die Arbeit ist anstrengend, aber mir hat der vielseitige Umgang mit Holz schon immer Freude bereitet», sagt Renggli. «So ein spezielles Handwerk zu beherrschen, ist etwas Besonderes für mich.»

Der Kohlemeiler

Der Kohlemeiler.

Ein Rost aus Holz (1) befindet sich unter dem Meiler, damit dieser keine Feuchtigkeit aus dem Boden aufnimmt. Darauf schichtet der Köhler rund 60 Ster Holz (2) in grossen Scheiten regelmässig rund um die zentral errichteten Pfähle, das Fülihaus (3). In diesen Leerraum füllt der Köhler später glühende Holzkohle ein und entzündet so eine Glut 
im Innern. Der Meiler wird mit je einem Mantel aus Tannenreisig (4) und einem aus Löschi (5) (Kohlenstaub, Erde und kleine Kohlenstücke) luftdicht abgeschlossen. Während die Glut im Meiler schwelt, regelt der Köhler die Sauerstoffzufuhr mit Luftlöchern, die er in den Mantel sticht. Der gesamte Aufbau dauert drei bis vier Wochen.

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