«Grüne Weltrevolution? So denken wir Europäer»

Energiegespräch mit Kirsten Westphal

Die Geopolitik der Energiewende ist ein zweischneidiges Schwert. Während die Abkehr von den fossilen Brennstoffen manche Konflikte entschärft, lässt sie auch neue Probleme entstehen, sagt Kirsten Westphal, Forscherin an der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). 

Interview: Andreas Turner | Fotos: Marion Schult | Erschien: meine Energie 3/2020

Frau Westphal, was fasziniert Sie an Energie und Politik? 

Es ist mir ein Anliegen, den treibenden Kräften auf dieser Welt mit wissenschaftlicher Arbeit auf die Spur zu kommen. Politik setzt die Regeln für den zwischenmenschlichen Umgang. In den internationalen zwischenstaatlichen Beziehungen spielen die faktischen Machtverhältnisse eine grosse Rolle. Und wie diese Machtansprüche strukturiert sind, zeigt sich nirgends so deutlich wie in den Energiefragen. 

 

Das fossile Energiesystem hat die globalen Machtverhältnisse stark geprägt. Wie ändern sich diese, wenn eine grüne Weltrevolution die Energieagenda bestimmt? 

Eine grüne Weltrevolution – was macht Sie da so sicher? Der klimagetriebene Blick auf die Energiewelt entspringt nach meinem Erkenntnisstand einer typisch europäischen Denkweise. Weltweit vollzieht sich die Energietransformation also auf sehr unterschiedliche Weise. Andernorts stehen Versorgungssicherheit und der Zugang zu Strom, der Abbau der Energiearmut und günstige Energie im Mittelpunkt. Und sie hat auch längst nicht überall den gleichen politischen und gesellschaftlichen Stellenwert. 

 

Woran machen Sie dies fest?  

Nehmen Sie nur die Coronakrise, die uns deutlich vor Augen führt, wie an vielen Orten der Welt sehr rasch ganz andere Fragen in den Mittelpunkt gerückt sind: nämlich jene nach den Arbeitsplätzen, nach materieller Existenzsicherung oder auch nach Versorgung mit Gütern des täglichen Lebens. Aber natürlich bleibt der Umbau der Energielandschaft zentral. Positiv für Europa zu werten ist das Klimaschutzpaket der EU. Dieser «Green Deal» bringt ganz gezielt Klima- und Energiepolitik, aber auch Industrie und Technologie zusammen.

 

Welches sind die Gewinner und Verlierer der Energiewende? 

Zu den Gewinnern werden all jene Länder gehören, die heute noch vom Import der fossilen Energieträger Erdöl und Erdgas abhängig sind. Verlierer werden jene Länder sein, die vom Erdölexport leben. Den Erdgasproduzenten bleibt noch etwas mehr Zeit, in der sie ihre Einnahmen auf sicher haben. Denn Erdgas gilt all gemein als Brückenenergieträger während der Energiewende. 

 

Wie machen sich die erdölexportierenden Länder der Golfregion fit fürs postfossile Zeitalter? 

Sie versuchen noch, das Maximale aus ihren Bodenschätzen zu holen, aber auch zu diversifizieren. Die Golfstaaten sind aber nicht nur reich an fossilen, sondern auch an erneuerbaren Energien. Sonnen- und Windenergie lassen sich quasi zum Nulltarif ernten. Die Petrostaaten könnten ihre Ölexporte etwa auch durch Wasserstoff ersetzen, der durch Elektrolyse mit Solarstrom produziert wird. Mit der «Vision 2030» plant zum Beispiel Saudi-Arabien genau dies – ebenso wie die klimaneutrale Versorgung der eigenen Bevölkerung. 

 

Erfolgt die Energiewende zu langsam, droht der Klimakollaps. Kann es umgekehrt auch gefährlich sein, den Wandel zu forcieren? 

Absolut, weil wir ja den globalen Konsens brauchen, um den Klimawandel zu bremsen. Weil die Abkehr von fossilen Brennstoffen jene Länder destabilisieren kann, die heute davon leben. Für Saudi-Arabien, aber etwa auch für Europas Nachbar Russland ist das Recht auf Nutzung fossiler Ressourcen Teil der Staatssatzung. Eine wichtige Aufgabe der Staatengemeinschaft wird es sein, diese Verlierer der Energietransformation mit ihren Problemen nicht allein zu lassen. Andernfalls könnten sie das Pariser Abkommen blockieren, das sie mitunterzeichnet haben. 

Eine wichtige Aufgabe der Staatengemeinschaft wird es sein, die Verlierer der Energietransformation mit ihren Problemen nicht allein zu lassen.
Kirsten Westphal, Forscherin Berliner SWP

Täuscht der Eindruck, dass es Kräfte gibt, welche die Energiewende ausbremsen wollen? 

Nein, natürlich gibt es Beharrungskräfte, und es schmerzt immer, sich von einem Geschäftsmodell zu verabschieden, das lange funktioniert hat. Doch bei den westlichen Ölmultis zeichnet sich ein Umdenken bereits deutlich ab. Denn diese Konzerne bringen wichtiges Knowhow mit, etwa beim Umgang mit Gasen oder bei der Beimischung von E-Fuels. Die Multis könnten zu wichtigen Partnern der Energietransformation werden, indem sie Windfarmen mit Offshore-Plattformen ergänzen. Darauf lassen sich Elektrolyseure betreiben, um Wasserstoff im grossen Stil herzustellen. 

 

Was sind weitere Faktoren, die den Energiewandel ins Stocken bringen? 

Man muss begreifen, dass die erste Phase der Energietransformation noch vergleichsweise einfach war – verglichen mit dem, was nun kommt. Gute Standorte für erneuerbare Energieproduktion sind vielerorts bereits genutzt. Auch die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen müssen angepasst werden, wie das Preissystem oder die Besteuerung von Energieträgern. Das geht erstens nur in kleinen Schritten und zweitens wirklich ans Eingemachte. Denn die technologischen Herausforderungen werden immer komplexer, je mehr erneuerbare Energien in die Versorgungsnetze eingespeist werden müssen. 

 

Wenn die Energiezukunft auf einer Ökostrom- und Wasserstoffwirtschaft basiert, werden dann die globalen Machtverhältnisse umgekrempelt?  

Aller Voraussicht nach wird dann die Stunde der «Prosumer Countries» oder «Prosumer Regions» schlagen, in denen die Menschen, die bisher nur zahlende Konsumenten waren, zunehmend aktive Selbstversorger werden. In solchen Konstellationen exklusive Marktmacht oder Monopole aufzubauen, dürfte eher schwierig werden. Die «Balance of Power» wird also auf wesentlich mehr Köpfe und Organisationen verteilt. 

 

Rohstoffe braucht es auch für grüne Technologien. Geht es nach dem Überwinden der fossilen Ära nicht einfach mit Konflikten um neue Streitobjekte weiter? 

Es wird künftig wohl vor allem darauf ankommen, wer in den neuen Energieanwendungsbereichen die Technologieführerschaft innehat und wer die Lieferketten kontrolliert. Es geht ja nicht nur um die Rohstoffe selbst, sondern vermehrt auch um die verschiedenen Verarbeitungs- und Veredelungsstufen. Gut möglich, dass sich Konflikte so von den internationalen Bühnen mehr ins Regionale verlagern. Das ändert jedoch nichts an der menschenrechtlichen und ökologischen Verantwortung jedes einzelnen Staates im Zukunftsmarkt Energie. 

Dr. Kirsten Westphal, Leiterin Projekt «Geopolitik der Energiewende» an der Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin


Dr. Kirsten Westphal leitet das Projekt «Geopolitik der Energiewende» an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Internationale Energie-Governance sowie Fragen der globalen Energieentwicklung. 

Wir verwenden Cookies auf dieser Webseite, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung zu ermöglichen. Bitte bestätigen Sie mit Klick auf „Weiter“ dass Sie die Nutzung von Cookies akzeptieren. Weitere Informationen zu unseren Datenschutzpraktiken finden Sie auf ckw.ch/datenschutz