«Der Rückgang an Emissionen schreitet zu langsam voran»

Die Klimabilanz soll bis 2050 netto null sein – ist das realistisch?

Die Schweiz soll nicht mehr Treibhausgase ausstossen, als sie kompensieren kann – und somit klimaneutral werden. Jürgen Ragaller, Klimaexperte des Kantons Luzern, erklärt im Interview, wie das möglich ist. 

Text: Tamara Tiefenauer / Foto: zVg

 

«Netto null» lautet das grosse Ziel. Es besagt, dass die Schweiz nicht mehr Treibhausgase ausstossen darf, als sie selbst kompensieren kann. Anstoss dafür war das Pariser Klimaabkommen von 2015. Dabei haben sich die Schweiz und viele andere Staaten dazu verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu begrenzen. Aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse des Weltklimarats hat der Bundesrat im August 2019 entschieden, ein konkretes Ziel festzulegen – netto null, also Klimaneutralität bis 2050. Damit will die Schweiz dazu beitragen, die globale Temperatur zu stabilisieren. Auch der Luzerner Kantonsrat hat beschlossen, dieses Ziel bis 2050 zu erreichen. Dazu wird aktuell ein umfassender Klimabericht erarbeitet.

Sind wir auf Kurs?

Im Kanton Luzern ist Jürgen Ragaller zuständig für die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung. Er ist Klimaexperte des Kantons und erklärt im Interview, wie die Schweiz im internationalen Vergleich dasteht und weshalb Klimaschutz auch gute Wirtschafts- und Umweltpolitik ist. Zudem gibt er Tipps, wie wir selbst in unserem Alltag das Klima schützen können.

Jürgen Ragaller, Klimaexperte Kanton Luzern

Jürgen Ragaller ist Klimaexperte des Kantons Luzern.

 

Jürgen Ragaller, ist der Kanton Luzern auf Kurs beim Netto-null-Ziel? 
Wir sind mit unserem modernen Energiegesetz zwar gut unterwegs, aber noch sind wir nicht auf Kurs. Im Auftrag des Regierungsrats erarbeiten wir derzeit einen Planungsbericht zur Klima- und Energiepolitik. An der Erarbeitung sind rund 70 Fachpersonen aus der Verwaltung beteiligt. Der Bericht wird aufzeigen, welche Klimaschutzmassnahmen es braucht, um das Ziel «netto null» zu erreichen, und wie wir uns an die Folgen des Klimawandels anpassen können. Damit wir das Ziel beim Klimaschutz erreichen, braucht es Massnahmen in allen Bereichen. Die Klimaschutzziele sind nur erreichbar, wenn wir das Energiesystem umbauen, unser Mobilitätsverhalten sowie unsere Ernährungs- und Konsumgewohnheiten überdenken. Ich freue mich darauf, mit der kantonalen Crew Segel zu setzen, mit Kurs «netto null 2050». 

Welches Land nimmt beim Klimaschutz aktuell eine Vorreiterrolle ein? 
Dänemark leistet Bemerkenswertes. Das Land hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen im Inland bis 2030 gegenüber 1990 um 70 Prozent zu verringern, und dies gesetzlich verankert. Das ist deutlich schneller als die Schweiz mit einem voraussichtlichen Inlandziel von 37,5 Prozent. Der dänische Klimaplan ist in der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Politik breit abgestützt. Als wichtiges Gremium hat Dänemark einen Klimarat geschaffen. Alle zehn Jahre legt dieser die Strategieziele fest, und alle fünf Jahre arbeitet er verbindliche Aktionspläne aus.  

Wo steht die Schweiz bezüglich «netto null» im internationalen Vergleich? 
Da nimmt unser Land eine gute Position ein. Die Schweiz ist zudem in der internationalen Klimapolitik sehr engagiert. Derzeit wird das CO2-Gesetz revidiert. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Klimaneutralität. Unsere Klimapolitik muss aber deutlich konsequenter werden, damit wir das Ziel erreichen. Deshalb erarbeitet das Bundesamt für Umwelt (BAFU) bis Ende 2020 eine Langfriststrategie zuhanden des Bundesrats.  

In welchen Bereichen gab es bisher landesweit die grössten Fortschritte? 
Der Rückgang der Emissionen schreitet leider in allen Sektoren zu langsam voran. Zwischen 1990 und 2018 verzeichneten wir den grössten Rückgang im Sektor Gebäude (–34%). Eine positive Entwicklung sehen wir auch in der Industrie (–14%) und in der Landwirtschaft (–10%). Bei den Gebäuden zeigt sich exemplarisch, dass die Kombination aus gesetzlichen Vorschriften, einer Lenkungsabgabe sowie der Förderung von erneuerbaren Energien zielführend ist. Der Industrie ist es gelungen, die Emissionen trotz Wirtschaftswachstum zu senken. Die bestehenden Instrumente greifen in diesen Sektoren.  

Sie sagen, der Rückgang verläuft zu langsam. Sind weitere Massnahmen nötig? 
Ich bin der Ansicht, dass die Einführung einer durchgängigen und ausreichend hohen Lenkungsabgabe auf CO2 und deren vollständige Rückverteilung an die Bevölkerung wirkungsvoll und effizient wären. 

In welchen Bereichen gibt es besonders viel zu tun? 
Es ist ernüchternd, dass die Emissionen im Verkehr zwischen 1990 und 2019 um drei Prozent gestiegen sind. Spannend ist hier ein Vergleich von Neuwagen und Neubauten: Während bei den Neubauten das nahezu Null-Energie-Gebäude Stand der Technik ist und zugleich gesetzlich gefordert wird, nimmt der durchschnittliche CO2-Ausstoss von Neuwagen zu. Grosse, schwere und zugleich fossil betriebene Fahrzeuge widersprechen den Grundsätzen einer sorgsamen Verwendung von Energie und führen zu unnötig hohen CO2-Emissionen. Dieses Problem gilt es anzupacken. Aber auch bei den Gebäuden gibt es noch viel Potenzial: Die Sanierungsrate muss steigen, und beim Heizungswechsel sollen Eigentümer konsequent Heizsysteme mit erneuerbaren Energieträgern einsetzen. Dank unseres modernen Energiegesetzes und des Förderprogramms sehen wir im Kanton Luzern beim Heizungswechsel einen erfreulichen Trend. 

Ist es überhaupt realistisch, dass die Schweiz bis 2050 das Ziel «netto null» erreicht? 
Ja. Davon bin ich als Energieingenieur überzeugt. Klimaschutz ist letztlich gute Wirtschafts- und Umweltpolitik. Heutige Investitionen unserer Unternehmen in den Klimaschutz sind ein wichtiger Teil ihres Zukunftskapitals. Damit wir das Ziel «netto null» erreichen, müssen wir den Klimaschutz wie erwähnt noch konsequenter angehen als bisher – in allen Bereichen. Zudem sind mittel- und langfristig technische und natürliche Senken nötig, um CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen. 

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