Interview mit Conrad Wagner

Wie sich die Mobilität in Zukunft verändern wird

Einfach von A nach B zu kommen, reicht künftig nicht mehr aus: Der Mobilitätsdesigner Conrad Wagner über das Zusammenspiel von Verkehrsdaten, intelligenter Vernetzung und differenziertem Nutzerverhalten.

Text: Andreas Turner | Fotos: Matthias Jurt | Erschien: Juli 2021

 

Herr Wagner, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich unseren Umgang mit Energie und Mobilität vergegenwärtigen? 

Zunächst der geringe Erlebniswert von Energie: Strom etwa kann ich mit meinen Sinnen nicht erfassen. Die Ausprägungen von Mobilität aber sehr wohl. Mobilität sehe und höre ich. Und leider rieche ich sie oft auch noch. Darum ist die Chance, bei der Mobilität einen Lerneffekt bezüglich des eigenen Verhaltens zu erzielen, grundsätzlich gegeben. 

 

Sie propagieren «mehr Mobilität bei weniger Verkehr». Wie soll das gehen? 

Fortschrittliche Technik kann mehr Effizienz in die Mobilität bringen. Viel wichtiger aber wäre eine gewisse Klugheit beim Verhalten, die zu positiven Veränderungen führt. Man nennt dies auch Suffizienz. 

 

Also weniger Ressourcenverbrauch aufgrund sinkender Nachfrage? 

Ja, hervorgerufen durch eine neue Genügsamkeit: die Vermeidung unnötiger Verschwendung. Ein hoher Grad an Mobilität ist dank den digitalen Technologien heute an Ort und Stelle möglich. Die Welt als digitales Dorf. Eine Lektion hat uns diesbezüglich auch das SARS-Cov-2-Virus erteilt: Man sitzt zu Hause, bewegt sich weniger mit den üblichen Verkehrsmitteln. Schade nur, dass solche äusseren Faktoren, die uns aufgezwungen werden, stets mehr Effekt erzielen als alles Freiwillige. 
 

Porträt von Conrad Wagner im Gespräch.

Conrad Wagner (61) aus Stans NW war Initiant des späteren Carsharing-Unternehmens Mobility. Heute entwickelt er für diverse Auftraggeber neue Mobilitätskonzepte und -dienstleistungen im In- und Ausland. An den Hochschulen HSLU und ZHAW lehrt er in den Bereichen Erschliessung, Verkehr und Mobilität. Wagner ist verheiratet und Vater eines 16-jährigen Sohns.

 

Unser Personenwagenbestand hat sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt. Nimmt der Druck auf die Verkehrswege weiter zu? 

Davon ist wohl auszugehen. Denn wir haben es mit einem typischen gesellschaftlichen Problem zu tun: Dichtestress. Einerseits ist es immer die Herstellung von Nähe, die eine Zivilisation voranbringt und für Wohlstand sorgt. Nähe erzeugt aber auch Dichte, und Dichte bringt massive Probleme – siehe Seuchen, Pandemien, Verkehrsinfarkte. 

 

Wie wird der Sharing-Gedanke im Verkehr populärer? Mobility Carsharing Schweiz hat sich zwar etabliert, alle anderen Initiativen fristen aber ein Schattendasein. 

Der Fahrzeugbestand in der Schweiz beträgt 4,6 Millionen Autos. Mobility als aktivstes Carsharing-Unternehmen hat eine Flotte von 3’100 Fahrzeugen. Da kratzen wir noch nicht mal am Promillebereich. Ist das erfolgreich? Dass Carsharing eine gute Idee ist, hat sich zwar herumgesprochen. Für das Leben dieser Lösung braucht es aber wohl noch eine weitere Generation. 

 

Autos stehen im Schnitt 23 von 24 Stunden still. Im Sharing-Betrieb ist das einzelne Auto zwar länger unterwegs, aber erst dann besser ausgelastet, wenn mehr Leute drinsitzen. Wie lässt sich diese «Ride Sharing»-Quote pro Fahrzeug steigern?

Indem sich neben dem öffentlichen Verkehr künftig ein privater, intelligent gelenkter Kollektivverkehr entwickelt. Schon heute sind wir unterwegs in einer multimobilen Welt: Ich fahre mal Velo, mal Auto, mal Zug. Einfach von A nach B zu kommen, reicht künftig nicht mehr aus. Ich wähle mein Verkehrsmittel differenziert und lustvoll – «on demand». Ein Preissystem lenkt diese Lust in bestimmte Bahnen. Den Kollektivverkehr sehe ich letztlich als Gewinner. Damit reise ich stets günstiger und auch zeitlich optimierter, da ich unterwegs arbeiten, Mails checken, meinen Newsbedarf decken und mein Smartphone bedienen kann. 

 

Wer wird Verlierer dieser Entwicklung sein? 

Auf die jetzigen ÖV-Anbieter wie SBB und Postauto kann eine durchaus schmerzhafte Entwicklung zukommen, denn über eine Privatisierung des Kollektivverkehrs werden sie ihre privilegierten und protektionierten Positionen einbüssen. Nehmen Sie die NEAT. Um diese Giga-Investition abschreiben zu können, müssen hundert Jahre ins Land gehen. Das Angebot verlagert sich eher mittels Software auf die bessere Auslastung von Infrastruktur und Hardware. 

Auf die ÖV-Anbieter kann eine durchaus schmerzhafte Entwicklung zukommen.
Conrad Wagner

Kommt die anbieterunabhängige Super-App für die Mobilität?

Ja, in diese Richtung wird es gehen. Zunächst werden sich übergeordnete Mobilitätsplattformen etablieren, dann aber auch solche mit erweiterten Themen wie etwa Versicherungen: Ich will eine Police, die mir mein ganzes Leben versichert – Hausrat, Haftpflicht, Mobilität, Rechtsschutz –, und mich nicht mehr mit Einzellösungen befassen müssen.

 

Uns erwartet also die Plattform-Ökonomie?

Ja, gefolgt von der Bot-Ökonomie. Ich lege mir auf meinem Smartphone einen Roboter an, der meine Lebensbereiche sortiert. Er organisiert für mich und setzt gewisse Anreize, da er ja meine Vorlieben und Gewohnheiten kennt. Er funktioniert wie ein guter Freund, der laufend Tipps für mich auf Lager hat. Punkto Mobilität sagt er dann beispielsweise: «Jetzt, um 7 Uhr morgens, solltest du nicht diesen Zug nehmen. Denn der ist voll. Fahr doch um 9 Uhr zum halben Preis. Und weisst du was? Die Frau, die du schon seit längerem kennenlernen willst, fährt auch um 9 Uhr. Falls du trotzdem jetzt dringend aufbrechen musst, bestelle ich dir ein selbstfahrendes Taxi. Und im Moment, wo du einsteigst, wird der Kaffee deiner Lieblingsmischung aus der Maschine laufen.»

 

Was werden Energieversorger von dieser Entwicklung haben?

Sie werden sich an künftigen «Mobility Hubs» beteiligen können. Die Elektrifizierung der Mobilität wird allumfassend sein. Generalunternehmer grösserer Überbauungen werden künftig nicht nur eine neue S-Bahn-Haltestelle bestellen, sondern auch Ladeinfrastruktur im grossen Stil – und alles, was damit zusammenhängt.

 

Gehen Fahrzeuge und Gebäude künftig eine feste Verbindung ein?

Ja, fest in Form von Ladekabeln oder Induktionsschleifen. (Lacht.) Das führt zu einer 24-Stunden-Datensammlung, die wiederum neue Opportunitäten bei der Kundenansprache eröffnet. Ein neues Denken über die eigenen Branchengrenzen hinaus sowie Kooperationen aller Art sind gefragt. Die unterschiedlichsten Verkehrsmittel wachsen zu integrierten Netzwerken zusammen. Energieversorger und die Betreiber von Mobility Hubs werden künftig den Markt bestimmen.

Wir verwenden Cookies auf dieser Webseite, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung zu ermöglichen. Bitte bestätigen Sie mit Klick auf „Weiter“ dass Sie die Nutzung von Cookies akzeptieren. Weitere Informationen zu unseren Datenschutzpraktiken finden Sie auf ckw.ch/datenschutz