Vor- und Nachteile der Windenergie

Oder: Ein Mythos kommt selten allein

Der Erfolg der Energiewende hängt von der Nutzung erneuerbarer Energien ab. Gerade bei der Windenergie machen jedoch allerlei Gerüchte und Mythen die Runde. Dabei übertreffen die Vorteile der Windenergie die angeblichen Nachteile weit. 

Text: Nemanja Novković | Erschienen: August 2022  

Windkraftanlagen liefern unzuverlässig Energie, sind nur im Meer wirtschaftlich sinnvoll und gefährden die Natur. Das sind nur einige der Behauptungen, mit denen Gegnerinnen und Gegner diese Form der erneuerbaren Energien zu diskreditieren versuchen. Dabei halten die meisten dieser Argumente einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Wir haben die gängigsten Gerüchte und Mythen rund um Windenergie und Windkraftanlagen zusammengetragen und auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft:

Windkraftanlagen lohnen sich nur in Offshore-Windparks

Stimmt nicht. Zwar liegt der grosse Vorteil von Offshore-Windparks in ihrer hohen Produktivität. Der Mehraufwand für solche Anlagen hinsichtlich Betrieb und Wartung führt dazu, dass die Kosten von On- und Offshore-Anlagen nahezu identisch sind. Der Salzgehalt der Luft macht Offshore-Windkraftanlagen störungsanfälliger. Der erschwerte Zugang und die Anbindung ans Stromnetz kommen hinzu. Im wirtschaftlichen Vergleich heisst also «mehr Wind» nicht automatisch «günstigerer Strom». So ermittelte das Fraunhofer ISE, dass eine Kilowattstunde Strom von Offshore-Parks etwa 5 Rappen kostet, wohingegen bei Windparks im Landesinneren mit 6 bis 8 Rappen pro kWh gerechnet wird – kein gravierender Unterschied.

Landschaft mit Windkraftanlagen.

Windparks lohnen sich auch im Landesinneren.

Windenergie ist unzuverlässig und unstetig

Wie bei allen wiederkehrenden Naturphänomenen hängt auch die Nutzung der Winde von ihrer Vorhersehbarkeit ab. Je genauer wir sie messen, desto genauer und verlässlicher werden auch unsere Vorhersagen. Wir sind schon heute in der Lage, Prognosen zu treffen, die den von Windparks produzierten Strom brauchbar vorhersagen. Rafael Mesey, Leiter Neue Energien bei CKW, bestätigt das: «So produzierte unser Windkraftwerk Lutersarni über Jahre hinweg mehr Strom, als wir anhand unserer Vorhersagen erwartet hatten.» Darüber hinaus sei die Windenergie die optimale Ergänzung zur Photovoltaik: «Sie produziert nämlich genau dann Energie, wenn Solaranlagen am wenigsten Ertrag bringen: nachts und im Winter.»

Diagramm-Vergleich der prognostizierten und tatsächlichen Stromproduktion der CKW-Windkraftanlage Lutersarni (LU).

Stromproduktion der CKW-Windkraftanlage Lutersarni. Monatliche Durchschnittswerte in Megawattstunden für die Jahre 2014 bis 2020.

Der Strom der Windenergie lässt sich nicht speichern

Tatsächlich ist die Speicherung von Strom eine der dringlichsten Fragen der klimafreundlichen Energiewende. Sie stellt sich aber auch bei anderen erneuerbaren Energien – sowohl bei der Photovoltaik als auch bei Laufwasserkraftwerken. Nur bei fossilen Energieträgern oder bei Staudämmen stellt sie sich nicht. Warum? Ganz einfach: Fossile Energieträger setzen ihre Energie erst im Moment des Verfeuerns frei; bis dahin dient der Stoff selbst als «Speicher». Staudämme wiederum speichern die Energie eigentlich gar nicht. Sie existiert nur als potenzielle Bewegungsenergie des an der Anlage gestauten Wassers, das aufgrund der Schwerkraft nach unten strebt. Dieses «Streben» des Wassers wird im Bedarfsfall genutzt, um eine Turbine anzutreiben, welche die Bewegungsenergie in Strom umwandelt. 
 
Forschende überall auf der Welt tüfteln an neuen Methoden, um elektrischen Strom aus erneuerbaren Energien möglichst verlustfrei zu speichern. Auch wird daran gearbeitet, bekannte Methoden, wie etwa die Power-to-Gas-Technologie, effizienter zu machen. Rafael Mesey von CKW fügt hinzu: «Davon hängt ab, ob wir unseren Energiebedarf in Zukunft zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien decken können.» 

Windkraftanlagen gefährden den Tourismus

Ein altbekanntes Vorurteil besagt, Windkraftanlagen wirken sich negativ auf den Fremdenverkehr und die Übernachtungszahlen einer Region aus. Auch das stimmt nicht. Das Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa konnte bei einer repräsentativen Studie zum Einfluss erneuerbarer Energien auf den Tourismus in Schleswig-Holstein keine negativen Effekte feststellen. Hingegen gaben die Befragten insbesondere für Windkraftanlagen einen positiven Symbolcharakter an, da sie «für eine umweltfreundliche, ungefährliche (ohne Emission, ohne Strahlung) Stromerzeugung» stehen. Wohlgemerkt: Die Befragten waren Touristinnen und Touristen in Schleswig-Holstein. Das nördlichste deutsche Bundesland ist nicht einmal halb so gross wie die Schweiz, hat auf dieser Fläche aber über 3000 Windkraftanlagen – mehr als 70-mal so viele wie die Schweiz. Auch bemerkenswert: Der durch die Anlagen in Schleswig-Holstein erzeugte Strom deckt mehr als die Hälfte des Strombedarfs der dortigen Bevölkerung. 

Übrigens trifft auch nicht zu, dass Windkraftanlagen den Wert benachbarter Immobilien mindern: Gleich mehrere internationale Studien widerlegten diese Falschbehauptung aus dem Umfeld der Windkraftgegner. 

Mitteldeutsche Landschaft, Dorf mit Häusern im Vordergrund, Windkraftanlagen im Hintergrund.

Positiver Symbolcharakter: ein mitteldeutsches Dorf mit Windrädern im Hintergrund.

Windräder gefährden die Vogelwelt

Stimmt so nicht. Was stimmt: Vögel, Fledermäuse und andere Flugtiere schaffen es während ihrer Flüge nicht immer, jedem Objekt auszuweichen – sei dies eine Windkraftanlage, ein Baum oder ein Hochhaus. Falsch hingegen ist, dass Windräder eine existenzielle Bedrohung für Vögel darstellen. Zur Einordnung: Windräder sind hierzulande für nur 0,0000278 Prozent aller an den Folgen menschlichen Handelns umgekommener Vögel verantwortlich – Glasfassaden hingegen für fast 14 Prozent, Hauskatzen gar für über 80 Prozent. Dennoch ist es wichtig, die Fauna zu schützen. Darum haben moderne Windräder Sensoren, die Flugtiere erkennen und sich automatisch abschalten. Rafael Mesey berichtet von einer weiteren Schutzmassnahme: «Seit vielen Jahren werden Windräder nur an Orten errichtet, die genügend Abstand zu Rast- und Brutgebieten von Vögeln vorweisen.»

Windräder sind zu laut

Der Windradrotor erzeugt einen Schallpegel von etwa 105 Dezibel (dB). Stünde ein Mensch also genau neben diesem Rotor, entspräche die Lautstärke etwa einem passierenden Zug oder einer Disco. Schon bei 150 Metern Entfernung sinkt die Schallbelastung auf etwa 50 dB, was der Lautstärke eines Gesprächs oder des Regens entspricht. Da die Rotoren in 180 bis 220 Metern Höhe angebracht sind, ist der tatsächliche Pegel wohl nie höher als 50 dB. Rafael Mesey fügt hinzu: «Geplante Windenergieanlagen werden zudem einer strengen, gesetzlich vorgeschriebenen Lärmschutzprüfung unterzogen, die sicherstellt, dass der Mindestabstand zu Wohngebieten eingehalten wird und die Geräuschemission für die Anwohnerinnen und Anwohner unter der Grenze des Hörbaren liegt.»  

Windkraftanlagen in einer weiten Landschaft mit Feldern und Baumreihen.

Windkraftanlagen: ökologisch verträglich und gesundheitlich unbedenklich.

Windkraftanlagen sind gesundheitsschädlich

Dieses Gerücht hält sich hartnäckig in einigen Beiträgen zur Windenergie. Und das, obwohl mittlerweile zahlreiche internationale Studien vorliegen, die sich mit den gesundheitlichen Folgen von Windkraftanlagen für den Menschen beschäftigen. Im Fokus dieser Studien steht der sogenannte Infraschall, also Schall tiefer Frequenz, der fürs menschliche Ohr nicht hörbar ist. Alle diese seriösen Studien kommen zum gleichen Ergebnis: Es können keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit festgestellt werden. Grund: Die von Windrädern ausgesendeten Infraschallwerte sind einfach zu gering. So kommt denn auch das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in einer 2016 veröffentlichten Untersuchung zu folgendem Fazit: «Da die von Windenergieanlagen erzeugten Infraschallpegel in der Umgebung deutlich unterhalb der Hör- und Wahrnehmungsgrenzen liegen, können nach heutigem Stand der Wissenschaft Windenergieanlagen beim Menschen keine schädlichen Infraschallwirkungen hervorrufen.» 

Wie wir aufzeigen konnten, sind Mythen meist nicht mehr als das – Mythen. Das gilt auch in Bezug auf Energiethemen. Rafael Mesey von CKW sieht daran jedoch auch positive Seiten. Insbesondere Mythen und Gerüchte seien nützlich, um einen gesellschaftlichen Diskurs anzustossen: «Gerade bei Themen, die uns alle angehen, sind offene Diskurse wichtig. Konsens entsteht, wenn wir uns reflektiert und fundiert darüber austauschen, wie wir sauberen Strom produzieren wollen und welche Konsequenzen wir zu tragen bereit sind, um eine saubere, klimaverträgliche Energiewende zu schaffen.» 

  • Quellen

    https://www.bfe.admin.ch/bfe/de/home/versorgung/erneuerbare-energien/windenergie.exturl.html/aHR0cHM6Ly9wdWJkYi5iZmUuYWRtaW4uY2gvZGUvcHVibGljYX/Rpb24vZG93bmxvYWQvOTg1MA==.html 

    https://www.wind-energie.de/fileadmin/redaktion/dokumente-landesverbaende/schleswig-holstein/sonstiges/20140722-ee-tourismus-sh-kurzfassung.pdf 

    https://www.ise.fraunhofer.de/content/dam/ise/de/documents/publications/studies/DE2021_ISE_Studie_Stromgestehungskosten_Erneuerbare_Energien.pdf 

    https://www.naturwind.de/wp-content/uploads/EnergieAgentur.NRW_Faktencheck_Windenergie-und-Immobilienpreise.pdf 

    https://www.researchgate.net/profile/Mark-Thayer/publication/254426631_Wind_Energy_Facilities_and_Residential_Properties_The_Effect_of_Proximity_and_View_on_Sales_Prices_Authors/links/5436c7290cf2dc341db4c175/Wind-Energy-Facilities-and-Residential-Properties-The-Effect-of-Proximity-and-View-on-Sales-Prices-Authors.pdf 

    https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1968/publikationen/161128_uba_position_windenergiegesundheit.pdf 

    https://energiewende.eu/windkraft-wertverlust-von-wohneigentum/ 

    https://www.lfu.bayern.de/buerger/doc/uw_117_windkraftanlagen_infraschall_gesundheit.pdf 

    https://www.heide-schinowsky.de/images/_archiv/2015/02/ausbau_windenergie_s_14_19n.pdf 

    https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpubh.2014.00063/full 

    https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/46367.pdf 

    https://julkaisut.valtioneuvosto.fi/bitstream/handle/10024/162329/VNTEAS_2020_34.pdf?sequence=1&isAllowed=y 

    https://www.ipcc-wg3.de/report/IPCC_SRREN_Full_Report.pdf  

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