Mein Leben ist entspannter geworden

23. Juni 2026|Lesezeit: 5 min

Seit dem Rücktritt vom Schwingsport hat sich Joel Wickis Leben spürbar verändert – doch seine Werte bleiben dieselben. Nachhaltigkeit, sei es bei Gesundheit, Freundschaften oder Arbeit, bildet das Fundament seines Alltags.

Sonntagmorgen in Willisau. Während andere sich noch einmal im Bett umdrehen, trifft man Joel Wicki schon beim Training im Fitnesscenter. Während seiner Schwingkarriere war er jeden Tag hier anzutreffen – Joel Wicki pendelte quasi zwischen seinem Hof in Sörenberg, dem Krafttraining in Willisau und dem Schwingtraining in Hasle hin und her. Nebst der Arbeit auf dem Hof, dem eigenen Baggerunternehmen und weiteren Verpflichtungen blieb nicht mehr viel Zeit für Hobbies und Familie. Das ist jetzt anders. Doch auch nach seinem Rücktritt vom Spitzensport bleibt Bewegung ein wichtiger Teil seines Lebens. Zwischen Hanteln und Matten nimmt er sich Zeit für ein Gespräch.

Joel Wicki, wie fühlt sich Ihr Alltag nach dem Rücktritt vom Spitzensport an?

Viel entspannter. Früher war jeder Tag komplett durchgetaktet: Training, Wettkämpfe, Medientermine und die Arbeit auf dem Hof. Heute habe ich mehr Zeit für meinen Landwirtschaftsbetrieb, mein Baggerunternehmen – und vor allem für Familie und Freunde. Und ich kann wieder mit Kollegen ausgehen, ohne ständig auf die Uhr schauen zu müssen. Das geniesse ich sehr.

Was motiviert Sie, trotz des Rücktritts regelmässig zu trainieren?

Training ist für mich wie Balsam für die Seele. Klar möchte ich fit bleiben und nicht zu schwer werden (lacht). Aber vor allem geniesse ich die Bewegung und den Austausch mit Freunden. Da ich körperlich durch meine Arbeit auf dem Hof sehr aktiv bin, brauche ich im Moment gar nicht so viel Training im Fitnessstudio. Ich beobachte noch, wie sich mein Körper nach dem Rücktritt entwickelt – nach 14 Jahren intensivem Profisport ist das für mich ein spannender Prozess.

Wie oft trainieren Sie?

Mindestens jeden Sonntag. Danach gehe ich immer ins Café, und ehrlich gesagt ist der Kaffee manchmal fast wichtiger als das Training. (schmunzelt)

Freundschaften, die bleiben

Nach dem Training trifft sich Joel Wicki regelmässig mit seinem langjährigen Freund und ehemaligen Trainer Daniel Hüsler zum Kaffee. Die Kaffeebar liegt im Erdgeschoss des Fitnesscenters. Man hat sich auch früher schon dort getroffen, heute ist das aber anders. Lockerer, weniger gestresst.

Daniel Hüsler: Hast du dich von unserer Liegestütze-Challenge vorhin erholt?

CKW: Liegestützen-Challenge?

Joel Wicki: Ja, das machen wir immer wieder aus Spass. Daniel schafft bis zu 100 Liegestützen, und wir challengen uns dann gegenseitig. Gegen ihn zu gewinnen, ist allerdings fast unmöglich.

Daniel Hüsler und Joel Wicki fordern sich mit Liegestützen heraus.
Daniel Hüsler und Joel Wicki fordern sich mit Liegestützen heraus.

Joel Wicki, was schätzen Sie am meisten an Ihrem Leben nach dem Rücktritt?

Ganz klar den Freiraum. Jetzt kann ich spontan Zeit mit meiner Familie, meinem Göttibuben oder meinen Tieren verbringen. Für mich war immer klar, dass es ein Leben nach dem Schwingen gibt. Ich bin dankbar für alles, was ich erreicht habe – und heute verfolge ich weiterhin einfach das, was mir Freude macht.

Hat sich Ihr Umfeld seit Ihrem Rücktritt verändert?

Nein, überhaupt nicht. Meine Freundschaften bestehen teils schon seit der Schulzeit, der Landwirtschaftsschule oder meiner Baumechaniker-Ausbildung. Das sind Verbindungen fürs Leben. Viele meiner Freunde sind mittlerweile auch Bauern und wir helfen uns gegenseitig, wenn nötig – ob beim Kauf einer Kuh oder beim Bäumchenstellen für frischgebackene Eltern.

Das klingt entspannt und verbindend. Daniel Hüsler, wie erleben Sie Joel heute?

Daniel Hüsler: Joel ist viel gelassener geworden. Der Druck, den er sich während der Sportkarriere gemacht hat, ist nach dem Rücktritt komplett weg. Das ist wirklich schön zu sehen.

Joel Wicki: Und dein Leben ist auch ruhiger, jetzt wo du dich nicht mehr mit mir als Sportler herumschlagen musst. (lacht)

Daniel Hüsler: Stimmt. Unsere gemeinsame Zeit war intensiv und schön, aber jetzt geniesse ich es, mehr Zeit für die Familie und mein Geschäft zu haben.

Daniel Hüsler und Joel Wicki beim gemeinsamen Kaffee.
Daniel Hüsler und Joel Wicki beim gemeinsamen Kaffee.

Zurück zu den Wurzeln

Am Mittag geht es für Joel Wicki zurück auf seinen Hof in Sörenberg. Als kleiner Junge half er regelmässig seinem Onkel auf diesem Betrieb und träumte davon, eines Tages selbst Bauer zu werden – ein Traum, der sich mittlerweile erfüllt hat. In den letzten Jahren hat Joel Wicki gemeinsam mit seiner Partnerin den Hof Schritt für Schritt modernisiert, beispielsweise mit dem Bau einer neuen Scheune mit Solaranlage auf dem Dach und der sanften Renovation des Wohnhauses. Ein paar Autominuten oberhalb des Hofs bewirtschaften die beiden im Sommer eine Alp. Heute erneuert der Schwingerkönig seine Zäune auf der Alp und am Abend treffen wir ihn bei der Fütterung der 15 Kühe und ihren Kälbern im Stall. Es ist deutlich spürbar: Hier ist der 29-Jährige ganz bei sich.

Joel Wicki im Stall mit seinen Kühen.
Joel Wicki im Stall mit seinen Kühen.

Was gefällt Ihnen am meisten auf Ihrem Hof?

Die Arbeit mit den Tieren. Aber auch die Bewirtschaftung des Landes erfüllt mich. Es ist etwas Besonderes, meinen Kindheitstraum zu leben.

Was ist für Sie ein «gutes Leben»?

Gesundheit und Zufriedenheit sind für mich der Schlüssel. Der Rest kommt oft von alleine. Wir hatten auch schon schwere Zeiten in der Familie, deshalb weiss ich, wie wertvoll Gesundheit ist. Jeden Morgen aufzuwachen und das zu machen, was ich will – das ist nicht selbstverständlich.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Das ist eine gute Frage. (überlegt) In den letzten Jahren habe ich die Modernisierung meines Hofs vorangetrieben, mit Solaranlage und allem, was dazu gehört. Ein weiteres wichtiges Projekt ist für mich mein Engagement bei den Jungschwingern. Ich bin Trainer in einem Nachwuchsprojekt für 15- bis 20-Jährige und gebe dort meine Erfahrungen weiter.

Und im Privatleben?

Eine eigene Familie könnte in Zukunft ein Thema werden – das wäre sicher das nächste grosse Kapitel.

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