Wie Solaranlagen und
E-Autos das Stromnetz verändern
21. Juli 2026|Lesezeit: 5 min
Solange der Strom aus der Steckdose fliesst, denken die wenigsten ans Netz. Dabei steht es vor dem grössten Wandel seiner Geschichte. Thomas Reithofer, Leiter Geschäftsbereiche Netze bei CKW, erklärt, was auf das Netz zukommt.
Thomas Reithofer, das Stromnetz ist das Rückgrat der Energieversorgung in der Schweiz. Im urbanen Raum ist es allerdings kaum mehr sichtbar. Verlieren wir langsam den Bezug zu «unserem» Netz?
Das ist tatsächlich eine Gefahr. Solange der Strom aus der Steckdose kommt, denken die wenigsten ans Netz. Dabei steht es vor dem grössten Wandel in seiner Geschichte. Und dieser Wandel betrifft uns alle.
Das müssen Sie erklären.
Seit es das Stromnetz gibt, hat es Strom nur in eine Richtung transportiert. Von den grossen Wasserkraftwerken in den Alpen und den Kernkraftwerken im Mittelland zu Industrie, Gewerbe und Haushalten in der ganzen Schweiz. Das ist heute anders: Tausende Solaranlagen produzieren Strom dezentral und speisen ihn ins Netz ein. Das Netz ist eine mehrspurige Autobahn mit Gegenverkehr geworden.
Ist das gut oder schlecht?
Weder noch. Es ist die neue Realität, die ein Energiesystem mit erneuerbaren Energien wie Solar oder Wind mit sich bringt. Natürlich stellt uns diese Realität vor Herausforderungen.
«Das Stromnetz ist zur Autobahn mit Gegenverkehr geworden.»
Thomas Reithofer
Leiter Geschäftsbereiche Netze bei CKW
Zum Beispiel?
Strom fällt immer unregelmässiger an. Solaranlagen produzieren bei schönem Wetter sehr viel Strom. An nebligen Tagen im Winter tragen sie hingegen kaum etwas zum Schweizer Strommix bei. Das Stromnetz muss also damit klarkommen, dass es teilweise wenig und teilweise stark – zu stark – ausgelastet ist.
Zu stark?
An sonnigen Tagen, wenn alle Solaranlagen gleichzeitig Strom einspeisen, kommt das Stromnetz an seine Grenzen. Das hat zum Beispiel Folgen auf den Netzausbau: Je mehr Solaranlagen ans Netz angeschlossen werden, umso mehr Trafostationen und Netzverstärkungen benötigt es. Das ist kostspielig und wenig zielführend.
Was ist die Alternative?
Das Netz der Zukunft basiert auf intelligenten und flexiblen Anlagen. Das sind Anlagen, die sich steuern lassen und sich automatisch auf die Bedürfnisse des Stromnetzes und der Energiemärkte ausrichten. Das können Solaranlagen sein, die mit einem Energiemanagementsystem ausgerüstet sind. Ist zu viel Strom im Netz, schalten sie sich automatisch ab. Sie funktionieren also netzdienlich und flexibel.
Das Stromnetz braucht Intelligenz und Kupfer. Darüber sind sich die beiden Netzexperten Thomas Reithofer, Leiter Geschäftsbereich Netze bei CKW, und Stefan Frei, Fachteamleiter Netzservices, einig.
Gilt das auch für Stromverbraucher wie Elektroautos oder Wärmepumpen?
Ja, Elektroautos, Warmwasserspeicher oder Wärmepumpen verfügen über eine natürliche Flexibilität. Das heisst, es spielt oft keine Rolle, wann genau sie laufen – vorausgesetzt, sie erfüllen ihren Zweck. Zum Beispiel muss das Elektroauto morgens um 7 Uhr mindestens zu 80 Prozent geladen sein. Oder die Raumtemperatur sollte immer angenehme 21 Grad betragen.
Stromproduktion und -verbrauch werden künftig also flexibler. Was bedeutet das für den Strompreis?
Auch die Strompreise werden dynamischer. In Zukunft wird Strom je nach Verfügbarkeit und Netzauslastung einen anderen Wert haben. Ist viel Strom im Netz, wird er günstiger – zum Beispiel am frühen Nachmittag. Am Abend, wenn alle ihr Elektroauto laden wollen, ist er teurer. Wer seinen Verbrauch also flexibel steuern kann, profitiert.
Sie skizzieren ein Zukunftsszenario. Viele Eigentümerinnen und Eigentümer verfügen noch nicht über die Möglichkeit, ihre Solarstromproduktion oder ihren Stromverbrauch intelligent zu steuern.
Noch nicht überall sind die Voraussetzungen da, das stimmt. Das wird sich in den kommenden fünf bis zehn Jahren aber ändern. Denn auch die Energieversorgungsunternehmen bewegen sich: Sie schaffen zunehmend Anreize und Produkte, die kompatibel sind mit dem Energiesystem der Zukunft. Unser Leistungstarif ist ein Beispiel dafür. Wer das Netz nicht unnötig stark belastet, kann monatlich ein paar Franken sparen.
«Das Stromnetz der Zukunft wird intelligent gesteuert und der Komfort bleibt an erster Stelle.»
Thomas Reithofer
Leiter Geschäftsbereiche Netze bei CKW
Was macht CKW darüber hinaus?
Wir haben per 2026 einen dynamischen Tarif eingeführt. Dieser belohnt die Stromkonsumentinnen und -konsumenten, wenn sie ihren Stromverbrauch in Zeiten niedriger Netzbelastung oder hoher Solarstromproduktion verlagern. Aktuell arbeiten wir daran, unseren Kundinnen und Kunden auch einen dynamischen Rückliefertarif anzubieten. Zudem bieten wir Industrie- und Gewerbekunden neu ein Produkt an, bei dem diese für ihre Flexibilität vergütet werden.
Wie funktioniert das?
Wer über eine grössere Photovoltaikanlage ab 150 Kilowattpeak verfügt, kann CKW die Erlaubnis geben, sie fernzusteuern. Ist zu viel Strom im Netz, schalten wir die Anlage automatisch ab. Das reduziert die Netzbelastung, ist also netzdienlich. Betreiberinnen und Betreiber erhalten für die Zeit der Abschaltung eine Vergütung und beziehen Strom aus dem Netz. Das verringert die Netzbelastung zusätzlich und bringt ihnen weitere Einnahmen.
Netzdienlichkeit ist ein abstrakter Begriff. Wir wollen doch in erster Linie, dass wir Strom haben, wenn wir ihn benötigen, und dass er nicht viel kostet.
Das stimmt. Das Stromnetz der Zukunft funktioniert nur, wenn alle Anlagen im Hintergrund gesteuert werden, ohne dass wir etwas dazutun müssen. Für die Kundinnen und Kunden steht der Komfort an erster Stelle. Wenn sie dank dynamischer Preise und flexiblen Anlagen ihre Stromrechnung senken respektive etwas dazuverdienen können, umso besser.
Wir nehmen mit: Das Stromnetz braucht mehr Intelligenz statt mehr Kupfer im Boden?
Es braucht beides: Kupferkabel aus den 60er-Jahren werden durch leistungsstärkere ersetzt, aus Einfamilienhausquartieren entstehen dichte Wohnzonen, die neue Trafos benötigen. Jedoch helfen uns Daten und ein intelligentes Stromnetz, diesen Ausbau zu optimieren. Das ist nicht nur günstiger, sondern auch effizienter als ein reiner Ausbau der Netzinfrastruktur und oft mit neuen Möglichkeiten für die Kundinnen und Kunden verbunden. Und von einem günstigen und effizienten Netz profitieren alle – auch jene, die über keine Solaranlage auf ihrem Dach verfügen.