«Solarfassaden haben Potenzial»

Architekt Karl Viridén im Interview

Architekt Karl Viridén engagiert sich für solares Bauen mit ästhetischem Mehrwert. Wird die Photovoltaik elegant in die Aussenhülle integriert, verwandeln sich Hausfassaden in Kraftwerke – und die Akzeptanz in der Bevölkerung steigt.

Interview: Andreas Turner | Fotos: Kilian J. Kessler | Erschien: Meine Energie 1-2020

 

Herr Viridén, der Schweizer Gebäudepark präsentiert sich grösstenteils als energetischer Sanierungsfall. Welche Massnahmen sind bei einem älteren Haus zuerst zu ergreifen?

Zunächst gilt es, den Energie- und Strombezug zu minimieren. Eine gut gedämmte Gebäudehülle reduziert den Bedarf bereits um den Faktor 2 bis 4 – manchmal sogar mehr. Dann fällt es umso leichter, die Restenergie aus erneuerbaren Quellen zu decken – die Auswahl dabei ist gross.

Karl Viridén (53) ist dipl. Architekt FH

Karl Viridén (53) ist dipl. Architekt FH und Geschäftsführer des Architekturbüros Viridén + Partner sowie von EcoRenova, einer Schweizer Pionierin für nachhaltige Gebäudesanierungen.

Eine Option ist, die Aussenhülle als Solarfassade zu realisieren. Ihr Rezept für Altbausanierungen?

Das Potenzial ist tatsächlich nicht nur bei Neubauten gewaltig – auch bei der neu gedämmten Fassade eines bestehenden Gebäudes ist der Einbau einer aktiven Fassadenverkleidung unbedingt zu überlegen.

 

Weshalb?

Photovoltaik ist nicht nur in der Gesamtbetrachtung kostengünstiger, sondern auch vielseitiger einsetzbar geworden. Noch vor wenigen Jahren mussten die Solarmodule auf dem Dach idealerweise nach Süden orientiert sein und eine gewisse Neigung haben. Heute lässt sich eine Solarfassade auch nach Osten und Westen hin ausrichten, gegebenenfalls sogar nach Norden. In jedem Fall aber sollten stromproduzierende Module gut hinterlüftet sein, damit sie sich nicht zu stark erhitzen. Bei zu viel Hitze reduziert sich der Wirkungsgrad ein wenig.

Photovoltaik ist nicht nur in der Gesamtbetrachtung kostengünstiger, sondern auch vielseitiger einsetzbar geworden.
Karl Viridén - dipl. Architekt FH

Wie sieht die Kostenrechnung im Vergleich zu herkömmlichen Fassadenverkleidungen aus?

Fassadenverkleidungen gibt es aus Glas, Stein, Terracotta, Eternit und dergleichen. Man kann sie ersetzen durch eine aktive Verkleidung, die Strom produziert. Nach rund fünfzehn Jahren ist die Mehrinvestition amortisiert. Danach produzieren Sie gratis Strom.

 

Nicht alle Standorte sind gleich gut geeignet. Wo ergibt eine Solarfassade am meisten Sinn?

Das ist interessant. Eine aktuelle Studie des Bundesamts für Energie hat sich nur auf Süd- und Westfassaden beschränkt. Trotzdem entspricht der mögliche Ertrag etwa einem Drittel der Dachflächen. Eine unglaubliche Menge an Energie stünde da also zur Verfügung, würde man dieses Potenzial nutzen.

 

Nämlich?

Das Potenzial liegt bei 17 Terawattstunden (TWh) pro Jahr. Jenes der Dächer ist dreimal so hoch. Das gesamte Solarstrompotenzial der Schweizer Gebäude liegt damit bei 67 TWh/Jahr. Es ist somit eine 40-mal höhere Solarstromproduktion möglich, als sie heute tatsächlich mit etwa 1,7 TWh realisiert wird. (Anm. d. Red.: Das Kernkraftwerk Mühleberg, das Ende 2019 vom Netz ging, produzierte jährlich knapp 3 TWh.)

Künftig wird ein Grossteil der Architekten wohl eng mit Fassadenplanern zusammenarbeiten, welche die aktive Glasfassade im Programm haben.
Karl Viridén - dipl. Architekt FH

Mutiert der Architekt künftig zum Energie-Ingenieur?

Ich spreche lieber von einer Erweiterung der Aufgaben. Wir sind ein Architekturbüro, das seit vielen Jahren in der Energiethematik zu Hause ist. Doch auch andere Kollegen, die bisher vorwiegend gestalterisch tätig waren, engagieren sich heute auf dem Gebiet der Gebäudeenergie. Das hat mich überrascht. Künftig wird ein Grossteil der Architekten wohl eng mit Fassadenplanern zusammenarbeiten, welche die aktive Glasfassade im Programm haben.

 

Die Energiewende wird auf breiter Basis von ganz normalen Haushalten realisiert. Ist es deshalb entscheidend, den sichtbaren Teil der Technik allgemeinverträglich zu gestalten?

Die Ästhetik ist ein wichtiger Punkt. Sie erhöht die Akzeptanz bei Architekten, Bauherren, Mietern – und bei der Bevölkerung. Früher tendierte man oft dazu, die Photovoltaik zu verstecken. Im Rahmen der neuen Glasfassaden hat die Photovoltaik ihren üblichen Nadelstreifenanzug abgelegt und zeigt eine zunehmende Bandbreite an Farben und Formaten.

 

Wie gehen die Architekten mit dieser neuen Freiheit um?

Als Jurymitglied bei Architekturwettbewerben erkenne ich: Solarfassaden fordern die Kreativität von Gebäudegestaltern enorm heraus. Es ist unglaublich, welchen Ideenreichtum das Element Photovoltaik generiert. Da kommt noch eine Menge auf uns zu.

Heute lässt sich eine Solarfassade auch nach Osten und Westen hin ausrichten – gegebenenfalls sogar nach Norden.
Karl Viridén - dipl. Architekt FH

Im Sinne von «Nichts ist unmöglich»?

So ungefähr. Künftig wird garkein Unterschied mehr erkennbar sein zwischen einer herkömmlichen Fassade und einer, die Strom produziert. Diese kann wie Glas aussehen, wie Eternit oder wie auch immer. Die Bevölkerung wird nur noch die Architektursprache wahrnehmen.

 

Beim Chalet dürfte es schwierig werden mit der Photovoltaikfassade.

Nicht einmal dort. Es gibt bereits aktive Glasmodule, die wie eine Holzfassade wirken. Selbst unter einer Bruchstein- oder Ziegeloptik kann Solarstrom produziert werden. Ob das auch guten Geschmack verrät, ist eine andere Frage. Ein Ziel der Solararchitektur ist es, aktive Fassaden farblich und gestalterisch besser in die gebaute Umgebung zu integrieren.

 

Wo punktet die Solarfassade gegenüber herkömmlichen Photovoltaikmodulen auf dem Dach?

In den Sommermonaten sind Dachmodule beim Stromertrag unerreicht. Doch diese Konzentration – pro Tag auf die Mittagszeit und übers Jahr auf den Sommer – kann in Zukunft zu unerwünschten Produktionsspitzen führen. Diese lassen sich durch Solarfassaden rund ums Haus weitgehend ausgleichen, indem am Morgen und am Nachmittag ebenfalls viel Strom erzeugt wird. Gerade die Kombination aus Dach- und Fassadenphotovoltaik ergibt einen regelmässigen Ertrag. Wird der Strom möglichst zeitgleich zum Verbrauch produziert, ist das ein grosser Vorteil.

 

Das neue Energiegesetz verlangt unter anderem, dass jedes neue Gebäude Energie produzieren soll. Mit welchen Hindernissen haben Sie diesbezüglich am häufigsten zu kämpfen?

Für Projekte zur Verdichtung von Wohnraum, wo es um Ersatzneubauten geht, stellt das Bewilligungsverfahren oft eine bedeutende Hürde dar. Selbst Leute, die im Umweltbereich arbeiten oder Mitglied einer Partei sind, die für die Energie wende kämpft, legen oft Einspruch ein. Wir begegnen hier, ähnlich wie bei Windparks oder dem AtommüllEndlager, dem typischen NIMBY-Effekt: not in my backyard, nicht vor meiner Haustür! Das wird dann zu einer Herausforderung, der sich auch die Politik stellen sollte. 

Karl Viridén (53) 

ist dipl. Architekt FH und Geschäftsführer des Architekturbüros Viridén + Partner sowie von EcoRenova, einer Schweizer Pionierin für nachhaltige Gebäudesanierungen. Mit seinem Team verwandelt Karl Viridén seit 1990 Altbauten in Häuser mit glänzender Energiebilanz. Dafür wurden ihm unter anderem der Europäische Solarpreis sowie zweimal der Watt d’Or des Bundesamts für Energie verliehen. Mit dem Einsatz aktiver Fassaden, die auch vom Design her überzeugen, treibt Viridén zukunftsweisende Gebäudelösungen voran, die mehr erneuerbare Energie produzieren, als die Bewohner verbrauchen.

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